Giovanna
Valli in der Ausstellung:
Die Biennale in Venedig. Der italienische Pavillon in der
Welt - 150 Jahre Unitá Italiana
Die Idee, die Kunstbiennale in Venedig im Rahmen der
150jährigen
Jubiläums zur nationalen Einheit Italiens weltweit auszudehnen
und
ihre Grenzen zu öffnen, ist einmalig und wird vielleicht
niemals
wieder so vorkommen.
Zeitgleich mit der Eröffnung der Biennale wurde eine Auswahl
von
Kunstwerken der über den Globus verteilten
italienischen Künstler in den 86 italienischen
Kulturinstituten
gezeigt. Und auf der Biennale in Venedig – immer noch trotz
Frieze, Art Basel, Art Miami und Hongkong Art fair einer der
bedeutendsten Kunstorte der Welt – werden 86 Filme
über die
Werke dieser Künstler aus 86 Nationen präsentiert.
Dies ist
eine grandiose Manifestation der Position italienischer Kunst heute in
der Welt. Gerade in unserer Zeit, in der die Weltordnung sich in einer
komplizierten Umbruchsphase befindet und viele Werte, die die Grundlage
unseres humanitären Miteinander bilden, wie Rohre im Wind
schwanken, ist ich eine solche Demonstration der Macht und der
Kraft künstlerischer Ausdrucksformen für
bedeutsam und
wichtig. Sind es doch gerade die Künstler, die zu allen Zeiten
und
in allen Situationen gewissermaßen die
Seismographen
unserer gesellschaftlichen Befindlichkeit und unseres
gesellschaftlichen Standortes sind und deren wichtigste
Aufgabe
es ist und immer sein wird, Schwingungen, Strömungen,
Realitäten, aufzugreifen, die den einzelnen Menschen
wie
auch uns als Gesellschaft, betreffen, bewegen, verstören oder
erregen.
Genau dies ist auch der Impetus der Künstlerin Giovanna Valli,
eine von fünf Künstlern, deren Werke in der
Ausstellung im
Italienischen Kulturinstitut in München bis zum 31 Augst
gezeigt
werden. Ihr geht es bei ihrem Werk um Transparenz: Transparenz des
einzelnen Individuums wie auch der Gesellschaft.
Giovanna Valli bedient sich in ihren Arbeiten in der Ausstellung
folgerichtig eines transparenten Materials, der recyclebaren Flaschen
aus Polyethylen, die zu Zigtausenden in der Welt mit Wasser oder
anderen Getränken gefüllt verkauft werden. Ebenso
arbeitet
sie mit PVC, Ultraphan und Spiegelfolie. Wie ein roter Faden
zieht sich dieser Kunststoff durch die Arbeiten der
Künstlerin.
Die Ambivalenz dieses Materials faszinierte sie: einerseits
ist
es mit seiner Transparenz, seiner Leichtigkeit und seiner
ästhetischen Qualität für sie das ideale
Material
für ihr ideelles Anliegen und gleichzeitig ist es,
arbeitstechnisch gesehen, für sie die Basis neuer
Ausdrucksformen
und eröffnet ihr die Möglichkeit, mit der dritten
Dimension
zu experimentieren. Andererseits überzieht dieses Material
durch
seine Unausrottbarkeit unseren Planeten als Müll von
unvorstellbaren Ausmaßen und ist durchaus kritisch zu sehen.
Beiden Aspekten gibt sie in ihrem Werk Raum.
In der Ausstellung ist sie mit fünf Arbeiten vertreten: zwei
Bodenskulpturen mit dazugehörigen Videos, drei
Wand-Installationen
und ein Video.
In der Bodenskulptur mit dem Titel „Secrets“ geht
es um die
Fragilität von Geheimnissen oder um die Verletzung
der
Privatsphäre. Sie besteht aus 40 dreidimensionalen Zeichnungen
auf
Fragmenten aus Polyethylen, die in transparenten Plexiglas
Schüben
aufeinandergetürmt sind und die Fragilität von
Geheimnissen
verdeutlichen. Zu sehen sind darauf die Physiognomien von Personen, die
die Idee des bewachten, archivierten und kontrollierten Individuums
repräsentieren– eben jenes
gläsernen Menschen,
der wir alle fast heute schon sind mit den
archivierten
Geheimnissen, den gesammelten Daten in den Verwaltungen,
Krankenhäusern, Gefängnissen, im Internet, usw. Wir
selbst
müssen an uns heutzutage immer wieder feststellen, wie oft
unsere
Privatheit verletzt wird, sei es unsere persönliche oder die
medizinische und wie oft unsere Daten mißbraucht werden. Das
dazugehörige Video verdeutlicht diesen Gedanken und ist mit
einer
Musik unterlegt, die Unsicherheit und Gefahr insinuiert.
Die zweite Bodenskulptur mit dem Titel 1513 zeigt genau 1513
miniaturhafte Figuren, die auf ein nur 5cm hohes Ultraphanband
gezeichnet sind, das 120cm lang ist, aufgerollt und wiederum in
durchsichtigem Behältnissen zu sehen sind. Es handelt sich um
Menschen in Alltagsituationen auf der Straße, beim
Sport,
beim Fußball, musizierend, vor dem Arbeitsamt, aber auch das
Vorhandensein von Krieg und religiöse Konflikten. Durch die
Aufrollung überlagern sich die Menschen, verlieren
ihre
Individualität und gehen optisch in einer
vielfältigen Masse
auf. Ungeheuer symbolträchtig, wie Valli hier mit dem Material
spielt: die plastische Transparenz, die sich quasi selbst
dematerialisiert, ins Nichts auflöst….Auf dem
dazugehörigen animierten satirischen Video sind einige Szenen
unterlegt mit Musik von ihrem Sohn Giorgio Volkert und der
Künstlerin selbst.
In einer ihrer neuesten zweiteiligen Wandinstallation ohne Titel
überlagern sich 300 übereinander gelegte
dreidimensionale auf
Polyethylen gezeichnete Gesichter. Mit Spiegelfolie unterlegt
reflektieren sie sich, es ergeben sich Verzerrungen und eine ganz
eigene Ästhetik glänzender Transparenz. Formal
zusammengehalten werden sie durch jeweils einen auf den Untergrund,
entworfen Silhoutte eines Baumes auf den sie montiert sind, der neben
dem ökologischen Gedanken auch den Gedanken an die unsichere
Zukunft unserer Welt wachhalten soll. Im Vorbeigehen entsteht durch die
aleatorischen Effekte die Illusion von Bewegung.
Die dritte Wandarbeit ist eine Ansammlung transparenter Wasserflaschen,
die in ihrem Inneren menschliche auf Folie gezeichnete Figuren
beherbergen. Eine Anspielung darauf, daß der menschliche
Körper zu 75% aus Wasser besteht? Assoziationen zu
Flaschenpost ,
die in unbekannten Welten anlandet, werden geweckt.
In ihrem Video La terzera Imagine, hören wir die Kraft
und
den Ton des Windes wie Musik .Der Wind umspielt eine 4x8m
große
Polyethylenfolie und vermittelt Bilder luzider
Schönheit.
Der Film entstand im Haus der Künstlerin in Narni und die
Außenaufnahmen im mittelalterlichen Fort des
berüchtigten
Inquisitors des Kardinal Albornoz.
Giovanna Valli hat eine bemerkenswerte , ziemlich singuläre
Position innerhalb der zeitgenössischen Kunstszene erobert:
ihre
Kunst ist luzide, humorvoll und gedankenschwer zugleich. Sie bedient
sich eines sehr zeitgenössischen, ambivalenten Materials, dem
in
unserer Gesellschaft ein negatives Image anhaftet, des Kunststoffs, der
in ihren Händen eine unvermutete ästhetische
Qualität
entwickelt. Mit ihrer Kunst gibt sie Zeugnis von den vielen
Irritationen dieser unserer Welt.
Monica Poalas
5. 7. 2011
Video Art 1995 - 2011
Please click on the link below:
La Terza
Immagine, 25'', 2007
"...a video in which images are displayed
on polyethylen sheets (800x400 cm) hit
by gusts of wind rustling
sound of theese "pages" shakes with whipped
exhibition space recorirng and humanity, our awn, in dange of
extinction.''
Further movies:
Secrets, animation, 8" (2011)
Storia d'Italia in due minuti, animation, 2" (1995 / 2011)
1513, animation, 11" (2010)
Europe on the road, 20" (2010)
Nothing to declare, documentrary about the artist Pier Giuglio
Bonifacio, 40" (2007)
Eclipse - Destruction of a mural, Nürnberg, 20" (2000)
Sonnenfinsterniss, Odeonsplatz München,
documentary, 20" (1999)
Jingle Bells and other short animations, 25" (1995)
Imperium, animation, 16" (1995)